Ian D'Sa: Gitarrist und Gestalter von Aufnahmen
Gitarrenideen und Produktion betrachten denselben Song aus unterschiedlichen Entfernungen.

Ian D'Sa lässt sich als Gitarrist von Billy Talent vorstellen, doch damit bleibt ein wichtiger Teil seiner musikalischen Arbeit außerhalb des Bildes. Ein Instrumentalpart beantwortet die Frage, was eine Person spielt. Die Gestaltung einer Aufnahme betrifft zusätzlich die Beziehung dieses Parts zu allen anderen: Was bleibt vorn, was wird ergänzt, welche Idee benötigt Platz? Diese beiden Perspektiven können sich unterstützen, müssen aber nicht immer dieselbe Entscheidung nahelegen.
Im Gespräch mit Pollstar im Juli 2016 erzählte D'Sa, dass er Gitarre durch wiederholtes Hören von Aufnahmen gelernt habe. Im selben Interview sprach er über den vorsichtigen Einsatz von Synthesizern auf Afraid of Heights: Zusätzliche Klänge sollten die Gitarrenwelt erweitern. Das verbindet zwei konkrete Arbeitsweisen, das genaue Lernen am Klang und das Abwägen neuer Farben innerhalb eines bestehenden Ensembles.
Eine gute Figur braucht einen Zusammenhang
Eine Gitarrenfigur kann allein überzeugend sein und im vollständigen Arrangement trotzdem zu viel Raum beanspruchen. Im Zusammenspiel stellt sich nicht nur die Frage nach den richtigen Noten. Wichtig sind außerdem Lage, Länge und der Moment eines Einsatzes. Ein Ton, der alleine angenehm nachklingt, kann das Ende einer Gesangszeile verdecken. Eine bewusst freigelassene Stelle kann dagegen deutlicher wirken als eine zusätzliche Bewegung.
Das erklärt, weshalb Gitarrenspiel und Produktion keine getrennten Welten sein müssen. Die Perspektive des Spielers verfolgt eine Bewegung von innen. Die Perspektive des Produzenten hört, ob diese Bewegung im Ganzen verständlich bleibt. Ein Verzicht kann dabei eine ebenso bewusste Entscheidung sein wie eine komplexere Figur. Aus der fertigen Aufnahme lässt sich jedoch nicht automatisch ablesen, wer einen solchen Vorschlag im Studio gemacht hat.
Neue Klangfarben sind keine neue Besetzung
Ein zusätzlicher Klang auf einer Aufnahme bedeutet nicht zwingend, dass er beim Konzert als sichtbar getrennte Instrumentalrolle erscheinen muss. Studioarbeit kann Schichten, Verdopplungen und andere Möglichkeiten nutzen, die eine Bühnenbesetzung anders organisiert. Ebenso sollte ein ungewohnter Klang nicht vorschnell einem bestimmten Gerät zugeschrieben werden. Gitarren, Effekte und andere Instrumente können sich in einer dichten Mischung weniger eindeutig unterscheiden, als eine selbstbewusste Beschreibung vermuten lässt.
Für ein aufmerksames Hören ist deshalb ein Vergleich der Aufgaben hilfreicher als ein Ratespiel über Geräte. Trägt die Gitarre eine wiederkehrende Figur? Setzt sie einzelne Akzente? Verbindet sie zwei Abschnitte, während die Stimme schweigt? Diese Fragen lassen sich an einem kurzen Ausschnitt verfolgen. Die Antworten müssen nicht für einen ganzen Song gelten; gerade der Aufgabenwechsel kann interessant sein.
Auch ein Produktionscredit sollte nicht als vollständige Erklärung des Klangs behandelt werden. Er benennt eine verantwortliche Funktion, aber weder jede einzelne Entscheidung noch den Anteil aller Gespräche. Zwischen einer ersten Idee, ihrer Einspielung und dem fertigen Master liegen unterschiedliche Arbeitsstufen. Wer D'Sas Rollen verstehen möchte, gewinnt mehr durch diese Unterscheidung als durch die Vorstellung, ein einzelner Name erkläre jede hörbare Eigenschaft.
Das Porträt wird dadurch nicht kleiner, sondern genauer: ein Gitarrist, dessen Blick auf Musik über die eigene Instrumentalspur hinausreicht. Seine dokumentierten Aussagen über Lernen und klangliche Erweiterung geben dafür einen konkreten Ausgangspunkt. Die Aufnahmen bieten anschließend Gelegenheit, das Verhältnis von Wiedererkennbarkeit und Veränderung selbst zu hören, ohne aus jedem neuen Detail eine Abkehr von der Bandidentität zu machen.


