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Where Is the Line?: Musik, Mode und die falsche Schublade

Ian D'Sa widersprach 2007 einer naheliegenden Deutung des Songs.

Benjamin Kowalewicz — Rock im Park 2022
Benjamin Kowalewicz — Rock im Park 2022. Kontextaufnahme; kein Nachweis eines bestimmten Songs oder anderer besprochener Ereignisse. © Mr. Rossi · Bildquelle · CC BY-SA 4.0 · Für das Web skaliert

Where Is the Line? steht an siebter Stelle von Billy Talent II. Im Interview mit Billy Talent France wurde Ian D'Sa gefragt, ob sich das Stück gegen Emo richte. Er widersprach und beschrieb stattdessen eine Kritik an Szenedenken, bei dem äußere Erscheinung vor der Musik steht. Diese konkrete Korrektur ist für eine Besprechung wichtiger als die Wiederholung einer bequemen Genrebehauptung.

Eine Frage ist keine Grenzpolizei

Der Titel stellt eine Frage nach einer Grenze. Als redaktionelle Lesart kann das dazu führen, zwischen musikalischem Interesse und dem Wunsch nach Zugehörigkeit zu unterscheiden. Beides muss sich nicht ausschließen: Kleidung kann Freude machen und eine Verbindung sichtbar werden lassen. Problematisch wird die Verbindung erst dann, wenn das äußere Zeichen als vollständiger Ersatz für die Beschäftigung mit der Musik gelten soll.

Daraus folgt jedoch kein Auftrag, andere Fans auf ihre Echtheit zu prüfen. Eine Kritik an oberflächlichen Maßstäben würde sich selbst widersprechen, wenn sie lediglich neue Kleidervorschriften aufstellt. Niemand muss eine bestimmte Frisur, ein seltenes Shirt oder einen festen Wortschatz besitzen, um einen Song mögen zu dürfen. Die Frage nach der Grenze lässt sich sinnvoller an die eigenen Kriterien richten als an das Aussehen fremder Konzertbesucher.

Genrebegriffe brauchen einen Gegenstand

Die damalige Interviewfrage zeigt außerdem, wie leicht eine Szene zum pauschalen Adressaten eines Liedes gemacht wird. D'Sas Antwort verschob den Schwerpunkt von einem Etikett zu einem Verhalten. Diese Unterscheidung bleibt auch für heutige Musikgespräche nützlich. Eine Gattungsbezeichnung erklärt nicht automatisch, warum jemand einen Song ablehnt oder was eine Band mit einem bestimmten Text kritisiert.

Im Album folgt Where Is the Line? auf Fallen Leaves und geht Covered in Cowardice voraus. Sein Fragezeichen macht die Titelfolge formal offener als eine eindeutige Behauptung. Man kann diesen Unterschied beim Lesen bemerken, ohne zu behaupten, er erkläre sämtliche musikalischen Entscheidungen. Der dokumentierte Interviewhinweis reicht aus, um den Song nicht als Angriff auf eine ganze Gruppe falsch einzuordnen.

Für eine Fanpage liegt darin auch eine redaktionelle Konsequenz: Interesse sollte nicht durch Zugangstests ersetzt werden. Ein neuer Hörer darf mit einem bekannten Titel beginnen und ein langjähriger Fan darf seine Meinung ändern. Where Is the Line? liefert einen Anlass, über solche Maßstäbe nachzudenken. Die Frage wird dadurch konkreter, als wenn man sie nur als Slogan über Authentizität wiederholt.

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