Crooked Minds: Über ein Urteil nachdenken
Ein Titel, der Denken bewertet — und damit die Frage nach dem Maßstab öffnet.

Crooked Minds enthält bereits eine Bewertung. Crooked kann eine Abweichung von einer geraden Linie bezeichnen; auf Denken übertragen wird daraus schnell ein moralisches Urteil. Gerade dieser Wechsel zwischen räumlicher Beschreibung und Wertung macht den Titel interessant. Wer nennt wessen Denken schief, und welche Vorstellung von richtig liegt dahinter? Das ist eine mögliche Annäherung an den Song, keine Behauptung, damit sei seine gesamte Bedeutung geklärt.
Im Düsseldorfer Interview mit dem Rock-am-Ring-Blog nannte Ian D'Sa Crooked Minds als einen Song, den er besonders mochte. Eine solche Aussage kann neugierig machen, sollte aber nicht zum verpflichtenden Qualitätsurteil werden. Die Vorliebe eines Beteiligten und die Reaktion eines Hörers sind verschiedene Dinge. Man darf ein Stück mit zusätzlichem Interesse auflegen, ohne vorab dasselbe Urteil übernehmen zu müssen.
Eine Metapher ist keine Diagnose
Minds sollte hier nicht zum Anlass werden, Menschen mit psychischen Erkrankungen pauschal zu charakterisieren. Ein wertendes Sprachbild ist keine medizinische Kategorie. Für eine Besprechung ist es genauer, über Entscheidungen, Argumente oder Perspektiven zu sprechen, statt einem vorgestellten Menschen einen umfassenden Defekt zuzuschreiben. So bleibt die Frage nach Verantwortung erhalten, ohne Unterschiede zwischen Verhalten und Person einzuebnen.
Die Mehrzahl im Titel öffnet außerdem eine andere Ebene als die Beschreibung eines einzelnen Gegners. Sie kann an ein geteiltes Muster denken lassen, aber auch an verschiedene Personen, die keineswegs identisch handeln. Eine eigene Interpretation sollte deshalb erklären, ob sie ein gemeinsames System oder mehrere individuelle Haltungen meint. Beides unter dem Wort sie zusammenzufassen erzeugt zwar eine einfache Front, aber wenig Verständnis für die eigentliche Beobachtung.
Höre den Song einmal mit dieser Unterscheidung im Hinterkopf. Welche Art von Gegenüber stellst du dir vor? Kommt dieses Bild aus der Darstellung, aus dem Titel oder aus deinen eigenen Erfahrungen? Ein kurzer Satz zu jeder Ebene macht sichtbar, wo die Deutung ihren Ursprung hat. Es geht nicht darum, persönliche Verbindungen auszuschließen, sondern sie nicht unbemerkt als Tatsachen über das Werk auszugeben.
Vom Etikett zur Beschreibung
Für einen Kommentar über Crooked Minds ist eine konkrete Beobachtung hilfreicher als eine Reihe abwertender Adjektive. Beschreibe, welcher Widerspruch dich beschäftigt und weshalb er sich nicht leicht auflösen lässt. Vielleicht verändert sich dadurch sogar das erste Urteil, das der Titel nahegelegt hat. Der Song wird so nicht bloß zum Anlass, eine vorhandene Meinung zu bestätigen, sondern zu einem Gegenstand, an dem die Sprache des Urteilens selbst genauer betrachtet werden kann.


