Billy Talent: Das Debüt jenseits von Try Honesty
Das Album von 2003 beginnt vor seiner bekannten Single und erzählt auch danach weiter.

Das selbstbetitelte Album Billy Talent erschien im September 2003. Sein Name kann den Einstieg allerdings etwas irreführend wirken lassen: Es ist das erste Album unter dem Namen Billy Talent, nicht der Anfang der gemeinsamen musikalischen Geschichte seiner Mitglieder. Davor steht die Pezz-Veröffentlichung Watoosh!. Das Debüt stellte diese Bandidentität einem größeren Publikum vor, dokumentierte aber nicht den ersten Moment, in dem die vier Musiker zusammen Musik machten. Diese Unterscheidung verhindert, dass aus einem erfolgreichen Neubeginn eine erfundene Gründungsgeschichte wird.
Die bekannte Eingangstür ist nicht der erste Titel
Try Honesty steht an dritter Stelle, nach This Is How It Goes und Living in the Shadows. River Below folgt erst auf Position sieben zwischen The Ex und Standing in the Rain. Das ergibt eine andere Orientierung als eine Sammlung der bekanntesten Titel. Zwei andere Stücke eröffnen die Platte, bevor Try Honesty erscheint, und nach dieser Single liegt noch der größte Teil des Albums vor uns. Ein Einstieg über das Video und ein Einstieg am Anfang der Platte führen deshalb nicht durch dieselbe Tür.
Ein Interview mit Ian D'Sa und Aaron Solowoniuk vom September 2003 macht diesen Unterschied greifbar. Nach ihren Favoriten gefragt, nannte Aaron This Is How It Goes, Ian dagegen Living in the Shadows. Ian erklärte außerdem, dass die starke Reaktion auf Try Honesty innerhalb und außerhalb der Band zur Wahl als erste Single beigetragen hatte. Es handelt sich also um zeitgenössische Aussagen, nicht um eine spätere Erklärung bereits etablierter Bekanntheit.
Hier lohnt die Trennung zwischen Auswahl und Reihenfolge. Eine Single muss eine Veröffentlichung auch allein vertreten können. Ein Eröffnungsstück darf dagegen etwas beginnen, das sich über weitere Titel fortsetzt. Keine dieser Aufgaben macht einen Song automatisch wichtiger, doch beide Aufgaben müssen nicht beim selben Stück liegen. Die damaligen Lieblingsstücke der Musiker verweisen zudem unmittelbar auf das eröffnende Paar, statt lediglich die Werbeentscheidung für die Single zu wiederholen.
Das letzte Viertel ist kein Anhang
Die zwölfteilige Reihenfolge endet mit Prisoners of Today, Nothing to Lose und Voices of Violence. Nothing to Lose hat somit nicht das letzte Wort, obwohl sein Titel isoliert betrachtet leicht nach einem Schluss klingen könnte. Danach folgt Voices of Violence. Das ist ein konkreter Grund, die ursprüngliche Reihenfolge zunächst beizubehalten: Würde man das vorletzte Stück ans Ende setzen, entstünde ein anderer Abschluss und nicht bloß eine etwas kürzere Liste.
Wer Try Honesty und River Below bereits kennt, muss für eine Erweiterung daher nicht sofort nach einer abgelegenen Rarität suchen. Das eröffnende Paar und die letzten drei Stücke derselben Platte ergeben bereits einen nachvollziehbaren nächsten Weg. Diese fünf Titel erschließen Bereiche, in denen die vertrauten Singles nicht stehen, behalten aber den Bezug zur gemeinsamen Veröffentlichung. Das ist eine redaktionelle Auswahl, keine Behauptung über eine offizielle Bestenliste der Band.
Bei der Suche nach einer Ausgabe hilft die Ergänzung 2003, weil Künstler und Album gleich heißen. Eine Jubiläumsausgabe kann interessante zusätzliche Aufnahmen enthalten; diese gehören jedoch nicht automatisch zur ursprünglichen Folge aus zwölf Songs. Wer beides auseinanderhält, kann später Demos entdecken und zugleich erkennen, welche Veröffentlichung Try Honesty, River Below und ihre Nachbarn zuerst zusammenführte.


