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Alben & Hörwege

Von Afraid of Heights zu Crisis of Faith: Musik in der Lücke

Ein Studiogespräch vom Februar 2020 widerspricht der Vorstellung von sechs stillen Jahren.

Jon Gallant und ein Kameramann — Rock am Ring 2016
Jon Gallant und ein Kameramann — Rock am Ring 2016. Kontextaufnahme; kein Nachweis eines bestimmten Songs oder anderer besprochener Ereignisse. © Leonhard Kreissig // LeoDE · Bildquelle · CC BY 4.0 · Für das Web skaliert

Afraid of Heights erschien im Juli 2016, Crisis of Faith folgte im Januar 2022. Wer nur diese beiden Albumdaten liest, sieht dazwischen scheinbar eine leere Zeile. Ganz leer war sie nicht: Musik, die später zur neuen Platte gehörte, hatte bereits ein Publikum erreicht, während Interviews noch laufende Arbeiten dokumentierten. Die Veröffentlichungsgeschichte eines Albums und die öffentliche Geschichte seiner Songs benötigen deshalb getrennte Zeitlinien, auch wenn beide schließlich bei derselben Veröffentlichung zusammenkommen.

Eine Momentaufnahme aus dem Februar 2020

In einem im Februar 2020 veröffentlichten ROCK-FM-Interview sprach Ian D'Sa aus einem Studio in Toronto, während die Band noch Songs fertigstellte. Das Schlagzeug sei bei Revolution Recording aufgenommen worden, die übrigen Arbeiten fanden im bandeigenen Studio statt. Einen festen Albumtermin gab es noch nicht, D'Sa rechnete damals aber mit einer Veröffentlichung im selben Jahr. Das Gespräch dokumentiert laufende Arbeit und ist keine nachträgliche Erklärung des fertigen Albums.

Genau dieser Unterschied verhindert eine irreführende Chronologie. Die Erwartung einer Veröffentlichung 2020 und das tatsächliche Erscheinen im Januar 2022 sind verschiedene Arten von Information: eine damalige Planung und ein später abgeschlossenes öffentliches Ereignis. Eine Darstellung sollte beides sichtbar lassen, statt die frühere Aussage stillschweigend an das spätere Ergebnis anzupassen. Ebenso wenig sollte sie eine einzige Ursache für die Abweichung benennen, solange eine weitere Quelle diese Ursache nicht tatsächlich belegt.

Songs waren schon vor der vollständigen Platte bekannt

Das Interview behandelt bereits Forgiveness I + II und Reckless Paradise. Beide stehen später am Anfang von Crisis of Faith, genau in dieser Reihenfolge. Ihre Erwähnung in einem Gespräch aus dem frühen Jahr 2020 widerlegt schon die Vorstellung, die Musik des gesamten Albums sei erst 2022 öffentlich geworden. Daraus folgt aber nicht, dass zu diesem früheren Zeitpunkt auch die fertige Platte, ihre Verpackung oder ihre vollständige Reihenfolge bereits vorlagen.

Wer die einzelnen Veröffentlichungen verfolgte, konnte am Albumanfang daher Vertrautes in einem neuen Zusammenhang wiederfinden. Wer erst 2022 einstieg, begegnete denselben Stücken dagegen als den ersten beiden Teilen einer neuen Platte. Keine Erfahrung ist ursprünglicher oder richtiger. Der Unterschied erklärt vielmehr, warum zwei Personen jeweils andere Abschnitte als ihre Entdeckung beschreiben können: Die eine erinnert eine Folge einzelner Veröffentlichungen, die andere lernt zum ersten Mal die fertige Zusammenstellung kennen.

Die offizielle Kampagnenseite zu Crisis of Faith nennt den 21. Januar 2022 als Veröffentlichungstermin. Dieses Datum gehört zum Album. Frühere öffentliche Begegnungen mit einzelnen Songs sollten nicht nachträglich in dasselbe Jahr verschoben werden, nur damit eine Diskografie übersichtlicher aussieht. Eine Sammlung allein nach Albumjahren zu ordnen ist natürlich bequem. Sie verdichtet dabei jedoch eine längere Geschichte, was für Regaletiketten genügt, die Entwicklung einer Veröffentlichung aber nicht vollständig erklärt.

Was sich aus dem Abstand nicht ableiten lässt

Diese Stationen ergeben kein Tagebuch sämtlicher Monate zwischen den Platten. Sie belegen ein Album von 2016, dokumentierte Studioarbeit und bereits besprochene neue Songs im Jahr 2020 sowie die vollständige Veröffentlichung 2022. Sie beweisen weder sechs ununterbrochene Aufnahmejahre noch die Entstehungsreihenfolge aller Kompositionen und erklären auch nicht jede Terminentscheidung. Diese Grenzen sichtbar zu halten ist informativer, als den gesamten Zeitraum entweder für Stillstand oder für eine einzige durchgehende Studiositzung zu erklären.

Die Alben selbst lassen sich trotzdem unmittelbar nebeneinander betrachten. Anders wird lediglich ihr historischer Rahmen: Crisis of Faith ist nicht einfach eine plötzlich eintreffende Antwort sechs Jahre nach Afraid of Heights. Ein Teil seines öffentlichen Lebens begann vor dem Albumdatum. Damit gehören die Jahre dazwischen bereits zur Einführung dieser Veröffentlichung und sind nicht bloß ein Abstand zwischen zwei Einträgen im Katalog.

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